Römerzeitliche Dekorationen am Tempel von Edfu more

in: Kemet 12,1, 2003, 29-31

Jahrgang 12, Heft 1 Januar 2003 €7,50 m y I—--,-—-I Keme •4 Agypten in der Rome Romerzeitliche Dekorationen am Tempel von Edfu Am 23. August des Jahrcs 237 v.Chr., wahrend der Regie- rungs/cil Ptolemaios' III. Euergetes I., wurde mil dem Bail dcs Tempcls von Edfu bcgonncn. Nach cincr Bauzcit von 180 Jahrcn waren am 5. Dc/cmbcr 57 v.Chr., im 25. Re- gicrungsjahr Ptolemaios' XII. Ncos Dionysos, die Arbeiten am Tcmpcl dcs llorus mil dcr Fcrtigstellung der Dekoration ubgeschlossen. Abb. 1: Tempelareal von Edfu: die heiden Plcile markiiren die zwei rOmischen Dekorationen In dieser Zeit entstand neben dem Haupticmpcl auch das writer sfidlich gelegene Mammisi, das Geburtsbaus von Edfu. Lediglich an zwei Siellcn des Tcmpelareals von Edfu sind jOngere, romerzeitliche Dekorationen nachgew icsen. Eine befindct sich auf der Nordseite cincs Tores [I], das Zugang zum Mammisi gibl. die zweitc befindet sich auf dcr Siidseite dcs westlichen Pylonturmes. Bei der ersten Stelle handelt es sich urn zwei Ritualszenen. die laut Inschrifi Kaiser Tiberius beim Speiseopfcr vor Horus und I lathor darstcllcn. Bei der zweilen Stelle handelt es sich hingegen urn eine Darstellung, die erst sekundar angebracht worden ist und niclit zum urspriingliclien Dekorationspro- gramm des Pylonen gchort. Erstmals erwahnt wurdc sic be- reits von R. Lepsius [2]. Sie befindet sieli hintcrdem Riickcn des die Feinde crschlagenden Pharaos Ptolemaios XII.. links ncben der Riickenschutzformel. Abb. 2: Tiberius beim Speiseopfer vor llorus und llallior; wesili- ehcr Tarpfeiler ..Pone J" Dargestellt sind drci Figuren, die aufeiner Standlinie ange- bracht sind: Links, die Hande im Anbelungsgestus erhoben, steht cine mcnschliche Figur, in dcr Mittc eine schakal- oder eher paviankbpfigc Gottheit, die cine Sonncnscheibe mil Uraus auf dem Kopf tragt, und rechls der Gotl Horus. Die Szenc iSsst sich nach D. Kurth moglicherweisc folgender- Kemet 1/2003 29 maBcn interprelieren: Die menschliche Figur betei Horus als untergehenden Sonnengotl an, schlicBlich befindet sich die Szene auf dcm Westturm, dcr Himmclsrichtung des Sonnenuntergangs. Horus und die paviankopfige Goitheii reichen sich die Ilandc, vollzichcn somil ein sog. snsn, „sich vercinigen"; bei dcm lelzteren Gott, der die Sonnenscheihe tragt, kann es sich um Atum handeln. Bereits in den Pyrami- denicxtcn vvird Alum oft mit dem Sonnengott Ra identifizicrt. Alum wird allerdings in solarem Konlexl meisl als untergc- hende, als Abendsonneangesehen. Durch die „Vereinigung" des Horus und Alum erscheinl Horus sclbst als untergehendcr Sonnengott. Pavianc wurden in untcrschiedlichem Kontcxt bei der Verehrung und als Heifer des Sonncngottcs dar- gestellt, sowohl bei dessen irdischem als auch bei dessen jenseitigem Sonnenlauf. Der Pavian gilt aber auch sclbst als Erschcinungsform des Atum. Mehrere senkrechtc Kolumnen enthulten hieroglypliische In- schriften. Links vor der Figur des Horus ist zu lesen: ..Worte zu sprechen von Horns Behedeli, dem groflen Gott, dem Herrn des Himmels, dem Bunlgefiederten." Rechts vor der Figur der paviankopfigen Gottheit ist einc eventuell einst vor- handene Inschrift bis zur Unkenntlichkeit abgcricben. Ober den crhobencn I landcn dcr mcnschlichen Figur befinden sich teilweisc unlcserliche Rcstc zweicr Kartuschcn. N.--- — Die erste Kartusche ist vermutlich zu „[Der Sohn des Re, Hcrr dcr Kronen] Kaisaros Sebastos('?)" odcr „Kaisaros, der ewig lebe(?)" zu erganzen. Die zweile Kartusche ist bc- dcutend schwieriger: sicher zu erkennen ist lcdiglich ..Der Konig von Ober- und Untercigypten, Heir der beiden Lander Tiberius", dcr zweite Namcnstcil inncrhalb der Kartusche ist am chesten zu ..Claudius" zu erganzen. Abb. 3: LftgC des von Tiberius dekoricrten Tores 1st diese Annahnie richtig, handell es sich bei der menschli- chen Figur hochstwahrscheinlich um Titus Claudius Drusus, spater Titus Claudius Caesar Augustus Germanicus (Kaiser Claudius), der 41-54 n.Chr. regiertc und nicht, wie in den Szenen am Tor in der Nahe des Mammisi, um Tiberius Clau- dius Nero, spater Tiberius Caesar Augustus (Kaiser Tiberius), 14-37 n.Chr. Sowohl Tiberius als auch Claudius haben nachgcwiescncr- maBen in Agypten Tempel baucn und dekoricrcn lassen. Tiberius ist inschriftlich belegt u.a. am lsis-Tempel von Assuan, in Abydos. in Bcrcnike am Rotcn Mcer (von Edfu fuhrte ein bedeutender Handelswcg durch die Ostwiiste nach Bercnikc), in Koptos, Dakkc, Dcbod, am Hathor-Tempel in Dendera, in F.sna, am Ptah-Tcmpel in Karnak, Kom Ombo, Medamud, am Isis- und am Arcnsnuphis-Tempel sowie am Mammisi (und an einigen andercn Stellcn) aufPhilae; aus seiner Rcgicrungszcit stammen auch die ersten Graffiti an den Memnonskolossen. Claudius hingegen ist u.a. in den Tempeln von Athribis, Koptos. Dendara, Esna. El-Qala, Medinet Habu, Philae und Schenhur nachgewiescn. In Edfu sclbst sind Tiberius und Claudius auch andcrweitig inschriftlich belegt. Kaiser Tiberius wird /.B. erwahnt im oEdfou 401; Kaiser Claudius hingegen z.B. im oEdfou 292 und oEdfou 412. Abb. 4: Position dcr von Claudius dckoricrlen Szene Weitcrc Hinweise auf romische Bauten in Edfu sind sehr rar. Zwischcn dem Gebel es-Sirag und Gebel es-Silsila liegt unweit des Dorfes el-Hosch am Gebel Abu Schcga ein alter Sandsteinbruch. Den gricchischen Inschriftcn zufolgc wurden dort noch im 11. Jahr des Kaisers Antoninus Pius (149 n.Chr.) Bliicke fur einen Tempel des Apollo (= Horus; ob Horns von Edfu?) gebrochen. Untcr Antoninus Pius herrschte in Agyp- ten rege Bautatigkcit. Arbciten in Edfu sind jedoch von ihm ansonsten bishcr noch nicht bekannt. Dem Mammisi gege:itibcr(6stlich) befand sich cinsl cin Hei- liglum fur den lebenden Falken. Dieserstammte vermutlich aus derZeit des Ictztcn Ptolcmacrherrschers Ptolemaios XII. oderetwas spater. Bei den franko-polnischen Grabungen auf dem Tell Edfou wurden auch einige Archilekliirfragmente entdeckt. die zu klcinercn Tempeln gehort haben miissen. Bcsondcrs cine Fundgruppe ist dabei von grofiem Interesse, bestchend aus scchs Siiulentrommeln, zwei Pfeilern, drei Saulcnkapitellen, cinem Wandfragment mit Halbsaule, cincm Tiirpfosten und drei Reliefs [3J. Weitcrc Bauten sind in Edfu anzunehmen. E.Chassinal berichtct von den Rcsten einer rechi groBcn Kapelle, welchc im Fcbruar 1896 entdeckt worden war. Sic bcsaG ein Tor aus Sandstein und sei mil Reliefs und den Kartuschen Ptolemaios IX. Soterll. dekoriert gewescn. Diese Kapelle befand sich in nur kurzer Entfcrnung siidwestlich des Pylonen, war jedoch bereits bei seinem nachsten Bcsuch vollstSndig verschwunden. Intcressant ist auch dcr Bcricht von G. B. Belzoni.der 1815 den Tempel von Edfu besuchte und neben einer Beschrei- bung des Tempels, des Mammisis und des Dorfes auch das Siidtor (Temenos) und einen weitcrcn kleinen Tempel (ob Falkcntempel odcr ein Gebaude an der Kaianlage vor dem Temenos) mit einer heute verlorenen Sphingcnallee erwahnt: ..Noch weiler sudlich befindet sich ein kleiner Tempel. von Reisenden zumeist unbemerkt. welcher eine Sphingenallee hat, die ingerader Linie aitf den grofien Tempel zulduft. Die Sphingen. von denen ich einige vom umliegenden Sand be- freite, haben einen Lowenkorper und einen weiblichen Kopf in Lebensgrqfie." [4] 30 Kemet 1/2003 Abb. 5: Graffito oder Rilualszene'.' Kaiser Claudius in Edfll Auch H.C.M. Baron von Minutoli spricht von dicser Sphin- genallee: „Nach meiner ROckkehr cms Ober-Aegypten sliefi Herr Ripaul [eigtl. RifaudJ, welcherfur Herrn Drove'ii flier Nachgrabimgen leitete, aufeine Alice von Sphinxen, die er Auftrag erhalten hat, gain zu Tage zujordern." [5]. SchlicB- licli werden die Sphingcn audi in dem Berichl von Wolfra- dine von Minutoli, der Galtin H. von Minutolis, crwahnt [6]. Viclleicht sind zwci von ihnen erhalten, wenn auch ihr tatsachlichcr Fundort in Edfu nicht mehr ermittelt werden kann; eincrbefindel sich lieute im Museum von Kairo (CGC 698), ein zweitcr ist noch heute im Torraum dcs Pylonen zu sehen. Diese Sphingenallee kann durchaus aus der romischen Kaiser/eit stammen. Die sekundar angebrachte Dekoration dcs Claudius am Pylon von F.dfu bleibt jcdoch enigmatisch. Der Anlass fur die Anbringung der Szene ist wciterhin unklar. Ob ein Zusammenhang mit cem nahezu direkt sudlich stclienden Tor vorliegt. das untcr Tiberius dckoriert wurde. ist nicht sieher, aber - eventucll anlasslich einer K'eugestaltung dcs Hofes zwischen Pylon und Sfldtor/Mammisi/Falkentempel - moglich. Andreas Effland Abb. 6: Sphinx im Pylondurchgang Ajmaibiagan: [I) nacli Chassinat, E., Lc mammisi d'Hdlbu, Kairo 1939. «PoitC J» [21 Lcpsius. R.. DcnkmSlcr, Text, Bd. IV. 57 [3] Laskowska-Kusztal, S. E., in: ET 7. 1973.45 IT.: dies., in: Tell Edfou soixante ans apres. Kairo 1999, 21 IT. cf. auch dies., in: ET 17. 1995. 96 IT. [4] Behoni, G. B.. Narrative of the Operations and Recent Discoveries in Egypt and Nubia, London 1820. 56 IT. [S] Minutoli, H. v.. Reisc zum Tentpcl dcs Jupiter Amnion in der Libyschcn Wuste und nach Ober-Acyypten in den Jahren IX20 und 1821. Berlin 1824. 280 [6| Minutoli. W. v.. Mes souvenirs d'liyyplc. Paris 1826. 153 l.iieralur: Grenier, J.-C.. Les titulalures dcs empereurs romains dans les doeuments en langUC egyptienne. Briissel, 1989 Kurth, D., Die Inschriflen des Tempels von Edfu. Obersetzungen, Bd. I. Edfou VIII. Wiesbaden 1998. 141 Schneider. T„ Lcxikon der Pharaonen, DUsseldorf-ZOrich. 1994 Kemet l;2003 31
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