Aufruhr in Abydos - Eine historische Notiz more

in: Kemet 9,2, 2000, 33-34

Sonderdruck aus Kemet 9,2 April 2000 Aufruhr in Abydos - Eine historische Notiz Andreas Effland Aufruhr in Abydos - Eine historische Notiz Neben der Bedeutung, die Abydos in der agyptischen Friih- zeit und wahrend des Mittleren und Neuen Reiches einnahm, sind auch spatere Epochen durchaus von Interesse. So ist bekannt, dass z.B. in der ptolemaischen Zeit hier verhaltnis- maGig stiirmische Ereignisse stattfanden. Im Herbst des Jahres 205 v.Chr. brach in Oberagypten eine zwanzig Jahre wiihrende Rebellion aus [1]. In Theben wurde hr-wnn-nfr (Horos Onnophris) zum Gegenkonig ausgerufen und gekront [2]. Ptolemaische Truppen flohen aus ihren Gar- nisonen in den Siiden [3], vermutlich nach Elephantine. Der Herrschaftsbereich des agyptischen Gegenkonigs erstreckte sich schon bald von Theben bis Abydos und sehr wahrschein- lich sogar noch weiter bis zum 35 km nordlich gelegenen Ptolemais. Am 27.09.204 v.Chr. ist Horos Onnophris im sud- lich von Theben gelegenen Pathyris belegt [4]. AnschlieBend - bis zum Ende des Jahres 201 - scheint die Rebellion weite Teile der Thebais kontrolliert zu haben [5]. Gegenkonigs nennt sowie eine Datierung (Jahr 5 des Rebel- lenanfiihrers) enthalt. Ptolemais ♦ \^ Abydos * \ \ * Koptos * Theben Pathyris * / Edfu * 1 Spatestens 201/200 v.Chr. erreichte der Aufstand auch Abydos. Es ist nicht ganz sicher, ob der nach Ptolemaios (IV. Oder V.) datierte pBerlin 13564 (ob 31.08.202 v.Chr.?) in die Aufstandszeit zu datieren ist, der Inhalt dieses Briefes lasst diese Moglichkeit allerdings verfuhrerisch erscheinen. Der auf Elephantine gefundene - von einem unbekannten Absen- der geschriebene - Brief stammt aus Abydos. Der Adressat, Parates, Sohn des Inaros, wird darin gebeten, den Aufent- haltsort zweier Personen herauszufinden, die von Abydos aus als Inhaftierte in den Siiden gebracht wurden. „Es gibtzwei Manner aus Pr-wrq (?), die man nach dem Siiden gebracht hat [...]. Wir kennen den Ort nicht, zu dem man sie bringt, (obwohl?) man ihnen sagt: ,Bewacht die 2 Mann'! Mdge man befehlen, den Ort zu erfragen, zu dem man sie bringen wird." Man mochte vermuten, dass diese zwei Leute in die Unruhen involviert waren. Da es sich allerdings hier urn ein bloBes Indiz handelt, diirfen keine allzu weitreichenden his- torischen Schlusse daraus gezogen werden. Um 201/200 v.Chr. ist Horos Onnophris jedoch sicher in Abydos belegt. In der Osiriskapclle N des Tempels Sethos'l findet sich ein in griechischen Buchstaben geschriebener kurzer agyptischcr Text, der die Titulatur und den Namen des Graffito 74 = SB V, 7658. In diesem Graffito ist zu lesen: nopro 'Yp rova<t>op ur|i Eat vou Ouotpe um E|aouvA.aaovxr|p rivoxco (= *pr- CJ hr-wnn-nfr mrjjst jrm Wsjr mrj Jmn-R'-nswt-ntrw p3 ntr °3), Pharao Herwennefer, geliebt von Isis und Osiris, geliebt von Amonrasonther, dem grofien Gott. Der Name dieses einheimischen Gegenkonigs wurde zu- nachst hr-htp, Hor-hotep gelesen, dann bis vor kurzer Zeit hr- m-Jht, Harmachis. Francoise de Cenival [6] schlieBlich war es, die als neue Lesung den hieroglyphisch gut bekannten Namen hr-wnn-nfr, Haronnophris, enkodierte. Zauzich [7] tibernahm diese Lesung und erkannte in dem lange Zeit als dritter Gegenkonig geltenden Pharao 'Ypyovacpop die grie- chische Entsprechung des agyptischen Namens. Jungst hat Pestman jedoch die Lesung hr-wnn-nfr, Haronnophris, erneut angezweifelt [8], denn der Schreiber des griechisch-agyp- tischen Graffito von Abydos trennte deutlich hr und wnn- nfr, so dass Horos Onnophris anstelle von Haronnophris zu lesen ist. Pestmans These ist zweifellos beizupflichten, und der Grund dafur liegt in der Vokalisierung von 'Yp fur Hr. Die gewohnliche griechische Schreibung fur hr-wnn-nfr ist A.povvo<t>pii;, A.povvc0<|>ptc; oder 'Epovvo(|>piq [9], mit der Vokalisierung Har- oder Her- als Bestandteil des Namens Haronnophris. In der Schreibung 'Yp rova((>op ist jedoch Hur ein separater Name mit Gonaphor als Apposition [10]. Abydos war also in Aufruhr, die Rebellion breitete sich aus. AuBen- wie innenpolitisch geriet der junge Konig Ptolemaios V in Bedrangnis. Im Sommer 200 v.Chr. hatte der ptolema- ische General Skopas wahrend des 5. Syrischen Krieges die Schlacht bei Panion in Palastina verloren. Die auBeragypti- schen Besitzungen gingen verloren, aber die agyptische Ost- grenze blieb sicher. Durch diese erzwungene „Frontverkur- zung" - Ptolemaios V verzichtete auf eine Gegenoffensive in Palastina - wurden Truppen frei, die mit den neu von Skopas in Griechenland angeworbenen Soldnern (199 v.Chr.) [11] offensichtlich eine Gegenoffensive in Inneragypten star- ten konnten, nachdem die alexandrinische Zentralregierung sechs Jahre lang nichts gegen den inneren Feind unternom- men hatte. Vom 09.07. bis 07.08.199 v.Chr. datieren die letzten nament- lichcn Belege fur Horos Onnophris [12]. Vom 05.08.199 v.Chr. existiert jedoch ein griechisches Graf- Kemet 2/2000 33 fito (SB I, 3776), welches „Philokles, Sohn des Hierokles, aus Troizerf geschrieben hat, und zwar „wdhrend der Be- lagerung der Stadt Abydos", d.h. es war ihm moglich, sich auBerhalb der Stadt Abydos frei zu bewegen, wahrend die Stadt belagert wurde. Moglicherweise gehorte der Grieche Philokles zu diesem Aufgebot der ptolemaischen Entsatzar- mee. Auch der abydenische Priester Petehorpachrates hat offen- sichtlich aktiv an dem Kampf gegen die Feinde teilgenom- men. Er sagt von sich: „Ich war einer, der fur die Gaue kampfte, der fur die Bewohner von Abydos [...]; der sie nicht iiberliefi den Feinden" (Stele Louvre C 232, Z. 10 f.). Durch die gute Kenntnis der Genealogie der Familie des Petehor- pachrates ist es moglich, diese Stele etwa in die Zeit um 200 v.Chr. zu datieren [13]. Seine Biographie und die geschicht- lichen Ereignisse in Abydos lassen die Annahme einer Invol- vierung dieses Priesters in genau diese Aufstandsphase sehr wahrscheinlich erscheinen. Was nach dieser Belagerung durch die Regierungstruppen und den Kampfen um Abydos zwischen den Rebellen und der Ptolemaerarmee mit Horos Onnophris geschehen ist, entzieht sich unserer Kenntnis, moglicherweise kam er bei diesen militarischen Handlungen urns Leben. In Theben je- denfalls folgte Anch-wen-nefer (Chaonnophris) als nachster Gegenkonig auf dem Thron nach. Nach wechselnden mili- tarischen Erfolgen musste er sich allerdings am 27.08.186 v.Chr. dem siegreichen ptolemaischen Feldherrn Komanos nach einer Schlacht im Siiden der Thebais ergeben [14]. Die inneragyptischen Garnisonen wurden durch neue grie- chische Soldner verstarkt. Ein Graffito aus dem Jahr 186/185 v.Chr. an der Wand zum Sanktuar des Sethos-Tempels in Abydos stammt von vier Soldaten, die nun als kriegerischs- tem Akt von der Gefangennahme eines Fuchses berichten konnten [15]. Andreas Effland Anmerkungen: [I] Cf. A. Effland, Polilische Opposition; ders., in: Kemet 7,1, 1998, 17-25 [2] Nach Informationen aus dem oKairo 38258 [3] UPZ II, 162, col. 5, Z. 24 ff. [4] pBM 10486 [5] Cf. Effland, in: Kemet 7,1, 1998, 20 [6] F. de Cenival, in: Enchoria 7, 1977, 10 [7] Zauzich, in: GM 29, 1978, 157 - 158 [8] Pestman, in: P.L.Bat 27, 1995, 126, u.n. 76 [9] Cf. Liiddeckens, Demotisches Namenbuch, 794 f.; Ranke, Personennamen I, 246. 17, II, 378 [10] Cf. ausfiihrlich Effland, Politische Opposition, 33 ff. [II] LiviusXXXI, 43, 5-7 [12] Die aus Theben stammenden pBerlin 3142 und pBerlin 3144 [13] RoBler-Kdhler, Individuelle Haltungen zum agyptischen Konigtum der Spatzeit, GOF 21, 1991, 305 [14] Dazu s. ausfuhrlicher Effland, in: Kemet 7,1, 1998, 21 ff. [15] Cf. Winnicki, Ptolemaerarmee in Thebais, Archiwum Filologiczne XXXVIII, 1978, 43, n. 29 Literatur: Effland, A. Unruhen und Aufstande in der Ptolemaerzeit, in: Kemet, 7,1, 1998, S. 17-25 ders., Politische Opposition in der Ptolemaerzeit, (unpubl. Mag.-Arbeit) Hamburg 1996 Pestman, P.W. Haronnophris and Chaonnophris. Two Indigenous Pharaohs in Ptolemaic Egypt (205-186 B.C.), in: P.L.Bat. 27, 1995, S. 101-137 34 Kemet 2/2000
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